Dienstag, 2. Dezember 2014

Fennas Gast~Geblubber | Drei Mal Historisches mit Rousseau, de Goya & Franklin

Ich freue mich sehr, heute meine Bloggerkollegin Fenna von

Lesemanie
Gedankennahrung für Büchernarren

    

hier bei Ankas Geblubber begrüßen zu dürfen. Fenna hat uns heute gleich drei interessante Bücher mitgebracht, die ihr sehr am Herzen liegen und deren Genre ihr hier bei Ankas Geblubber ansonsten eher selten findet. Fenna liebt Bücher, gibt jedem eine Chance, insbesondere dann, wenn sie mit interessanten und glaubwürdigen Protagonisten aufwarten können - so wie diese drei Schätze ...


Liebe Fenna, herzlich Willkommen bei Ankas Geblubber!



Auf meinem Blog Lesemanie biete ich Gedanken-Nahrung und Lese-Inspiration für Büchernarren an. Von jedem Genre ist etwas dabei; allem wird eine Chance gegeben, solange die Sprache gut ist und die Charaktere glaubwürdig sind. Und wer bin ich? Mein Name ist Fenna, ich bin Jahrgang 1987 und bin nach langen Jahren in den USA endlich wieder im schönen Rheinland zu Hause. Eigentlich sollte ich jede Minute in das Erstellen meiner Dissertation stecken, aber manchmal ist Bloggen einfach schöner (und Lesen ja sowieso)...


Drei Mal Historisches von Lion Feuchtwanger 
Aller guten Dinge sind bekanntlich drei und deshalb möchte ich hier drei wirklich sehr gute historische Romane von Lion Feuchtwanger vorstellen, die mit Protagonisten aufwarten, von denen jeder einzelne auf seine Art die Welt geprägt hat: der spanische Maler Francisco de Goya, der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau und der Amerikaner Benjamin Franklin.

Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis“ heißt der erste Roman um den es hier gehen soll und der das Schaffen Francisco de Goyas unter die Lupe nimmt. Direkt zu Beginn macht Feuchtwanger deutlich, was die Gegenwart Goyas ausmacht: „Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts war fast überall in Westeuropa das Mittelalter ausgetilgt. Auf der Iberischen Halbinsel, die auf drei Seiten vom Meer, auf der vierten von Bergen abgeschlossen ist, dauerte es fort.“ Und das aufgrund der Inquisition, die das spanische Leben mit Argusaugen beobachtete und all jene, die ihren strengen Regeln zuwider handelten, zu Befragungen einbestellte. Und Goya ist ihnen ein Dorn im Auge. Sein offensichtliches Verhältnis mit der Herzogin von Alba und seine unterschwellig geäußerte Kritik an der Inquisition bringen ihm eine Einladung zu einem Auto Particular ein – eine nur für geladene Gäste bestimmte Kundgebung zu einem Urteil das die Inquisition gefällt hat – „Dazu geladen zu werden war ehrenvoll und gefährlich, es kam einer Verwarnung gleich.“ Goya geht zu der Veranstaltung und was er sieht, beeindruckt ihn tief. Inspiriert von der Veranstaltung und der offen zur Schau getragenen Grausamkeit der Richter, beginnt er mit der Arbeit an seinen „Caprichos“, Radierungen, welche die Zustände der spanischen Gesellschaft und insbesondere das Walten der Inquisition, scharf kritisieren. Goya wendet sich von der klassischen Hofmalerei, der er sich bis dahin hauptsächlich gewidmet hat, fast völlig ab. So zieht er herbe Kritik auf sich während er zeitgleich mit fortschreitender Taubheit und schlechter Gesundheit zu kämpfen hat. Feuchtwanger gelingt es in diesem Roman meisterhaft, sowohl das Hadern des Künstlers mit sich selbst und seinem Werk einzufangen, als auch ein überwältigendes und detailliertes Sittengemälde Spanien zu Zeiten Goyas zu erschaffen – sei es durch kurze Auftritte des uhrenbesessenen und einfältigen Königs, oder die Gegenüberstellung der scheinbar allmächtigen Inquisition auf der einen Seite sowie die Tatsache, dass Männer und Frauen des Hochadels sich hinter verschlossener Tür den meisten Gesetzen dieser Institution widersetzen.

In Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jacques Rousseau“, entführt Feuchtwanger seine Leser nach Frankreich. Im ersten Teil des Romans beobachten wir Rousseau in den letzten Tagen seines Lebens. Diese verbringt er bei Monsieur de Girardin. Der Graf und sein Sohn Fernand sind glühende Verehrer des Philosophen und können ihr Glück kaum fassen als Rousseau ihre Einladung, eine Weile bei ihnen zu verbringen, annimmt. Gemeinsam mit seiner Frau und seiner Schwiegermutter zieht er in ein in dem Park gelegenen Sommerhäuschen ein. Seine Ehefrau Thérèse, eine scheinbar einfältige doch auch höchst sinnliche Frau, beginnt eine Affäre mit einem Bediensteten des Grafen. Als Rousseau kurze Zeit spät tot in seinem Haus aufgefunden wird, deutet alles auf einen Mord durch den Geliebten der Frau hin, doch offiziell wird ein Schlaganfall als Todesursache notiert. Im zweiten Teil des Romans stürzt der junge Fernand in Folge von Rousseaus Tod in eine Sinnkrise, der er durch seine Unterstützung der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung entkommen möchte. Im dritten Teil schließlich kehrt Fernand nach Frankreich zurück und schließt sich der französischen Revolution an. Erschrocken muss er erkennen, dass er die Ziele der Revolution nicht als einziger mit Rousseaus Argumenten rechtfertigt. Andere, sehr viel radikalerer Mitstreiter, die bald zu Gegnern werden sollen, bedienen sich der selben Argumente um mit ihnen sehr viel rabiatere Mittel zum Zweck zu rechtfertigen. Eine eindringliche Schilderung wie Ideen, einmal geäußert, ein Eigenleben entwickeln können.

Das letzte Buch, das ich hier kurz vorstellen möchte, spielt zum großen Teil zur selben Zeit wie das Rousseau-Buch, allerdings spielt hier die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung eine größere Rolle: Die Füchse im Weinberg“. Benjamin Franklin ist in Paris, um als Gesandter der Amerikanischen Union ein Bündnis zwischen Amerika und Frankreich zu knüpfen. Hierfür muss er den ängstlichen König überzeugen, dass Waffenlieferungen an die gegen die britische Krone aufbegehrenden Amerikaner in keinster Weise seine eigene Autorität als Monarch untergraben würden. Ludwig der XVI zögert und fühlt sich überfordert. Er befürchtet, dass ein Erfolg der amerikanischen Unabhängigkeitskämpfer in Europa, insbesondere in Frankreich, Nachahmer finden könnte. Feuchtwanger konzentriert sich auf diplomatische Intrigen am Hofe und würzt diese mit farbenfrohen historischen Episoden und interessanten (teils fiktiven) Begegnungen und Dialogen zwischen den großen Denkern ihrer Zeit: Franklin, Diderot, Voltaire… Dabei spielt der Gedanke des Fortschritts die größte Rolle. In einem Nachwort zu seinem Roman schrieb Feuchtwanger: „Sie werden ohne weiteres verstehen, daß der Held des Romans nicht Benjamin Franklin ist, auch nicht Beaumarchais, auch nicht der König oder Voltaire, sondern jene unsichtbare Lenker der Geschichte, der, im achtzehnten Jahrhundert entdeckt, im neunzehnten Jahrhundert deutlich erkannt, beschrieben und gepriesen wurde, um dann im zwanzigsten Jahrhundert bitter verleugnet und verleumdet zu werden: der Fortschritt.“ Diesem Fortschritt hat Feuchtwanger mit dem Roman ein Denkmal gesetzt, das mehr als 900 Seiten zählt, die von sehr vielen mal mehr und mal weniger wichtigen Personen bevölkert werden. Als ich das Ende erreichte, wollte ich trotzdem noch mehr.


Zu allen historischen Romanen Feuchtwangers muss gesagt werden, dass Feuchtwanger vor Erschaffung des jeweiligen Buches viel Zeit darauf verwandte, die Zeit und Quellen aus der jeweiligen Epoche zu sichten und sie mit einfließen zu lassen. Allerdings hatte er auch keine Scheu, manche Fakten so zurechtzubiegen, dass sie den Verlauf der Erzählung unterstützen. Beispielsweise war Rousseaus Schwiegermutter zu dem Zeitpunkt an dem sie in „Narrenweisheit“ mit ihm und ihrer Tochter bei Monsieur de Girardin einzieht, bereits seit zehn Jahren tot. Für Feuchtwanger standen in seinen historischen Romanen weniger eine hundertprozentige Wiedergabe historischer Fakten im Vordergrund als viel mehr der Wunsch, Gesellschaften einen Spiegel vorzuhalten und sie zum Denken zu verleiten. Dies hat er eindrucksvoll in einem Vortrag auf dem Internationalen Schriftstellerkongress 1935 in Paris erläutert. Unter dem Titel „Vom Sinn und Unsinn des historischen Romans“ erklärte Feuchtwanger: „Ich habe zeitgenössische Romane geschrieben und historische. Ich darf, nach schärfster Gewissensprüfung erklären, daß ich in meinen historischen Romanen die gleichen Inhalte zu geben beabsichtige wie in den zeitgenössischen. Ich habe nie daran gedacht, Geschichte um ihrer selbst willen zu gestalten, ich habe im Kostüm, in der historischen Einkleidung, immer nur ein Stilisierungsmittel gesehen, ein Mittel, auf die einfachste Art die Illusionen der Realität zu erzielen. Andere haben ihr Weltbild, um er klarer aus sich heraus zu projizieren, in eine größere räumliche Entfernung gerückt, es in irgendeiner exotischen Gegend angesiedelt. Ich habe mein Weltbild zum gleichen Zwecke zeitlich distanziert….“1 Das Ergebnis sind historische Romane, deren Gesellschaftskritik und Darstellung menschlicher Dilemmas bis heute ihre Gültigkeit behalten und deren Anziehungskraft sich ein Leser kaum entziehen kann.
1 Quelle: http://www.litde.com/textsammlung-zur-deutschen-literaturgeschichte/lion-feuchtwanger-vom-sinn-und-unsinn-des-historischen-romans.php

~ * ~ * ~ * ~ * ~ * ~ * ~

Liebe Fenna, vielen Dank für deinen Besuch hier bei Ankas Geblubber. Dein ausführlicher Beitrag war unheimlich interessant, selbst für mich kleinen Geschichts-Muffel!

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr Fenna auf ihrem Blog "Lesemanie" besucht und ihr liebe Grüße von mir ausrichtet. 
Wenn auch DU als "Gast-Blubberer" einen Beitrag für Ankas Geblubber schreiben möchtest, bekommst du HIER weitere Informationen!

Fenna und ich freuen uns sehr auf euer Feedback in den Kommentaren und ich bin mir sicher, dass Fenna auch gern eure Fragen zum Thema beantworten wird!

Mehr Geblubber hier:
    

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen