Dienstag, 3. Februar 2015

Möchtest du Schokopulver auf deinen Milchkaffee?

Es ist schon verrückt, wie mich diese simple und absolut unspektakulär klingende Frage einen kompletten Tag so beschäftigen kann, dass ich mich abends um 22:00 Uhr noch mal an den Laptop setze und diesen Text blubbere.

Montagmorgen, 09:37 Uhr, Stuttgart Hauptbahnhof
Nicht nur auf meinem Bahnsteig, auch überall um mich herum herrscht hektisches Treiben. Anzugträger mit Handy am Ohr hasten an mir vorbei, ein verträumt durch die Gegend tapsendes Mädchen weicht erschrocken aus und ein älteres Ehepaar zieht mürrisch grummelnd und ohne Rücksicht auf Verluste zwei schwere Koffer hinter sich her. Nach einem ach so erholsamen Wochenende hat uns der Alltag wieder, jedoch nicht ohne die getankte Entspannung am Sonntagabend auf dem Nachttischen abgelegt und dort vergessen zu haben. Kurz versichere ich mich, dass meine Handtasche fest verschlossen ist, umklammere meine aktuelle Lektüre noch ein bisschen fester, und schließe mich dem ganz normalen Wahnsinn an, indem ich mich von der anonymen Masse mitziehen lasse. Mein Buch darf heute mal Frischluft schnuppern und muss nicht in den Tiefen meiner Handtasche ausharren, bis es am Abend wieder im ruckeligen Zug von mir aufgeschlagen wird. Es ist gerade so spannend, dass ich auch die kürzeste Pause wie z.B. die Wartezeit auf die U-Bahn oder die 4-minütige Fahrt zum Weiterlesen nutzen möchte. Doch bevor ich meine Nase wieder zwischen die Seiten stecke, wage ich einen mutigen Versuch und schwimme gegen den Strom. Ausnahmsweise schließe ich mich mal nicht dem menschlichen Tsunami der Richtung U- und S-Bahn rollt, an, nein, ich biege rechts ab und steuere zielsicher einen kleinen Backshop an, der zwischen zwei Gleisen stationiert ist. Mein Plan: den 20-€uro-Schein "klein machen" lassen, damit ich den nächsten Fahrkartenautomaten mit Münzgeld füttern kann. Während vor mir noch zwei weitere "Gegen-den-Strom-Schwimmer" nuschelnd ihren Kaffeewunsch äußern, lass ich, in Vorfreude auf meine süße Nascherei, die soeben er- bzw. überlebte Zugfahrt Revue passieren.

Bis zum zweiten Bahnhof auf unsere Fahrt ins beschauliche Stuttgart verlief noch alles reibungslos. Ich hatte einen Platz an der viel zu heißen Heizung ergattert, deren Hitze jedoch durchaus auszuhalten war, denn das nicht richtig zu schließende leicht geöffnete Fenster versorgte uns Fahrgäste mit einer frischen Brise. Frieren oder Schwitzen? Frieren oder Schwitzen? Während ich - unbeeindruckt von dieser sich aufdrängenden Frage - in die Tiefen des Labyrinths eintauchte, stieg an besagtem 2. Bahnhof eine muntere Reisegruppe ein, die sich wohl dachte, sie tut den anderen Fahrgästen einen Gefallen, wenn sie sich lautstark auf ihren Kurztrip nach London freut. Nachdem mehrmals durchgezählt wurde, ob auch alle 2-6 Mitreisenden anwesend waren, brüstete sich der selbsternannte Reiseleiter mit unzähligen Auslandsaufenthalten und vergaß nicht, sich dabei immer wieder umzuschauen, ob auch ausreichend aufmerksame Zuhörer andächtig seinen verbalen Ergüssen spannenden Anekdoten lauschten. Auch mein Vierer-Sitzgrüppchen wurde schnell in Beschlag genommen. Im ersten Moment war ich dankbar dafür, dass mir niemand seinen Koffer gegen's Schienbein stieß, im nächsten Moment - als nämlich der mit Schneematsch dekorierte Trolley in die Gepäckablage direkt über mir gehievt wurde - hätte ich den blauen Fleck am Schienbein durchaus vorgezogen. Eine erste kleine Schneelawine entlud sich auf mir und meinem Buch. Mein (noch) wohlwollend gemeintes und mit einem kecken Augenzwinkern vorgetragenes "Huch! Jetzt schneit es auch hier drin?" erntete nur ein müdes Lächeln - na toll! Es wurde munter weiter getratscht und die bevorstehenden Tage geplant. Super, viel Spaß! Für mich gar kein Problem, denn als geübte Zugleserin kann ich auch bei Trubel, Kindergeschrei und "ins-Handy-brüll-Orgien" problemlos abschalten und konzentriert lesen. DOCH - wenn alle paar Minuten süße, kleine und ziemlich kalte Wassertropfen auf mich und mein Buch platschen, fühle ich mich leicht gestört, zumal ich zu den schreckhaften Mitmenschen zähle, insbesondere dann, wenn ich gerade in einer anderen (literarischen) Welt um mein Überleben kämpfe. Als der 11. Tropfen fiel und meine irritiert nach oben schauenden Blicke meinen gegenübersitzenden Vielfliegern anscheinend an ihren Kehrseiten vorbeigingen, wischte ich den 12., 13. und 14. Tropfen weit ausholend von meiner bereits aufgeweichten Seite 267. Ha! Die Dame mir gegenüber schaute auf, musterte mich, als hätte ich gerade einen fahren lassen und vertiefte sich wieder ins Gespräch. Hallooo?! Geht's noch? Ich bin ja ein sehr toleranter Mensch und habe auch überhaupt kein Problem damit, wenn es im Zug auf mich hinunterschneit, was ich aber auf den Tod nicht ausstehen kann, ist diese ätzende Arroganz! Ein entschuldigendes Lächeln hätte es schon getan, aber nein. Der ganz normale Wahnsinn an einem Montagmorgen...

... doch zurück zum eigentlichen Thema und Anlass dieser Blubberekstase, der da wäre... Genau, die Frage "Möchtest du Schokopulver auf deinen Milchkaffee?" Eben diese Frage stellt mir die (ACHTUNG:) freundlich lächelnde Verkäuferin am Bäckerei-Tresen und weiß womöglich gar nicht, was sie damit anrichtet. "Möchtest DU?" - sie duzt mich, ich fühle mich direkt willkommen und der Tresen zwischen uns verschwindet. "Schokopulver" - was, ehrlich? Frau und Schokolade, die Kombi geht doch immer!! "auf deinen Milchkaffee?" - auf MEINEN Milchkaffee? Mit genau dieser Frage schafft es die Mitvierzigerin, dass ich mich nicht nur willkommen und 20 Jahre jünger fühle, nein, sie lässt mich auch den Ärger und die Hektik vergessen und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht, das auch heute Abend noch deutlich erkennbar ist.

Es sollte viel mehr dieser Lächeln-ins-Gesicht-zaubernden-Menschen geben! Du, meine liebe Zauberfee vom Bäckereitresen an Gleis neundreiviertel in Stuttgart - behalte dir deine Magie und dein freundliches Wesen bei. Auch mal gegen den Strom schwimmen, Tresen wegzaubern und mit einem Lächeln statt mit nicht vorhandenem Charme bestechen, überraschen, Menschlichkeit zeigen und mit einer kleinen, unerwarteten Geste einen anderen Menschen glücklich machen. Vielen Dank! You made my (manic Mon)day!




Kommentare:

  1. Hallo Ankalein <3
    Ein toller Bericht und ich weiß, warum ich nicht so gerne Zug fahre! Ich finde es schon eine ziemliche Frechheit von den Menschen und dieses Ich-Denken geht mir so dermaßen gegen den Strich *grrr*
    Aber zum Glück gibt es auch noch nette und höfliche Menschen.

    Ich wünsche dir einen wundervollen Tag und bis bald, drück dich

    Uwe

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  2. Guten Morgen Liebes!

    Es ist immer wieder toll, wenn es Menschen mit so kleinen Gesten schaffen, uns den Tag zu versüßen. Ich hab gestern erst gelesen, dass das "du" immer öfter gängige Praxis wird.

    Ich hoffe, du hast auch einen schönen Dienstag. Pass auf dich auf ♥♡♥
    Alles Liebe!
    Michelle

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  3. sorry, die Hälfte vom Kommentar glatt vergessen
    Normalerweise lese ich Kolumnen nicht gern, aber du hast mich mit deiner Schreibweise total in den Bann gezogen und ich hab quasi alles miterlebt. So lebhafte Worte, schön, so Etwas zu lesen. Ich werde mal weiter stöbern, eine feste Leserin mehr hast du hiermit auf jeden Fall und ich freue mich auf alte und neue Geschichten.
    Achja, normalerweise speichere ich einen Bog still und leise als Bookmark ab und schaue immer mal wieder vorbei, ich gehöre zur Kommentar-Faulen Sorte, aber hier konnte ich nicht anders als einfach ein paar Worte da zu lassen.

    Bitte schreib so schoen lebhaft weiter, du kannst einen wunderbar mitnehmen in Szenarien.

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  4. Das du so ruhig geblieben bist!!!
    Wahnsinn. Ich bin selbst JAHRELANG Bahn gefahren und kenne solche Storys auch. -.-
    Aber, wenn mir jemand mein BUCH vollgetropft hätte, also ... der hätte noch viel eher einen schlechten Tag gehabt, als ich. Obwohl ich ja sonst eher lieb und zurückhaltend bin, bei Arroganz und so einem Gehabe, kriege ich ja schnell mal Ausraster der Lillyischen Art ^^.

    Die Bäckereiverkäuferin dagegen muss ein wahrer Engel gewesen sein. Schön, wenn es noch solche Menschen gibt, die ein Lächeln verschenken. ♥
    Ich hoffe der nächste Montag wird wieder besser!

    *drück dich*
    Lilly

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  5. So toll beschrieben!
    Ich hatte das Gefühl, ich wäre dabei gewesen, kennen wir die Situationen doch wohl alle zu gut. Ehrliche gesagt ärgert mich diese teilnahmslose Arroganz, die du beschreibst immer besonders bei Verkäufern. Diese Situationen, in denen man sich entschuldigen möchte, dass man Kunde ist...
    Schön, dass es auch andere Beispiele gibt! Wobei ich mit bäckereiverkäuferinnen sowieso kaum schlechte Erfahrungen habe ;)

    Sonnige Grüße,
    Vera

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  6. Der Text war wirklich toll, du hast so eine schöne Schreibe :) :)
    Ich liebe ja diese freundlichen Menschen, die einem den Tag erhellen. Meiner Meinung gibt es davon zu wenige.

    Liebe Grüße.

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  7. Das Leben als Pendler perfekt zusammen gefasst ^^ mein Highlight ist jeden Samstag mein Caramel Macchiato im Balzac am Bahnhof..wo man morgens mit einem Lächeln begrüßt wird und noch eine schöne Caramel-Blume auf den vielen leckeren Milchschaum bekommt..ein Lächeln und ein wenig Caramel versüßen mir da das frühe Aufstehen :)

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  8. Liebe Anka,

    so ein kleiner Kaffee-Engel kommt doch dann wie gerufen. Ich hoffe du hattest heute einen mindestens genauso guten Start in den Tag (nur ohne Schneesturm im Abteil. *zwinker*)

    LG

    Andreina

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  9. Top! Diese Kleinigkeiten im Alltag machen den Unterschied. <3

    Leider vergessen manche, dass es Anstand nicht automatisch dazu gibt, wenn man sich in die Schlange bei Aldi an die Kasse stellt. Ich bin ja kein Bahnpendler, doch an all die Einkaufswagen in die Hacken Fahrer, Kleinkinder - Umrenner, Ellebogen- Drängler, Kreisverkehr- Raudis und sonstige Anstands- Lose... atmet doch mal für einen Moment durch! Die Welt im gemeindeutschen Alltag da draußen ist kein Krieg. Wir kommen alle auch einen Schritt weniger hektisch, ruhelos, aggressiv, intolerant durch den Tag.

    Dir alles Liebe, Anka und danke für den schokosüßen Bericht.

    LG Derek
    ... stelle grad fest, meine Frau hat hier auch schon 'gemeint'. Fein. <3

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  10. Liebe Anka,

    ich bin da ja genau wie Du. Oder schlimmer. Wahrscheinlich hätte ich am Ende der Bahnfahrt meine Haare und mein Buch ausgewrungen und der Frau dabei auch noch einen schönen Tag gewünscht (und nur innerlich gehofft, sie möge in London an einer labbrigen Essig-Fritte ersticken).
    Zeit für gute Vorsätze! So nicht mehr behandeln lassen! Ich schlage vor, in Phase eins begnügen wir uns mit etwas Passiv-Aggressivität. Wir verwickeln die Frau in ein freundliches Gespräch über London, fragen dabei (wohl wissend, dass es diese Schnäppchen gar nicht gibt), ob sie auch diesen super günstigen 20 Euro-Flug erwischt hat, befragen sie nach ihren Plänen und spoilern die nach Kräften. Auf jeden Fall mehrere Stunden im Hyde Park auf die Lauer legen, dann sieht man Prinzessin Kate garantiert! Und unbedingt diese ganzen leckeren steak and kidney pies probieren, da ist ja einer leckerer als der andere... Und dann taggen wir sie mit einem Geheimspray aus dem Superagentenbedarf, damit unsere Freundin, die Milchkaffee-Verkäuferin, sie als bösen Menschen erkennt und ihr statt Schokopulver Fliegendreck draufstäubt.
    In Phase zwei melden wir uns in solchen Situationen dann einfach nur streng zu Wort und fordern die doofe Nuss auf, ihren gottverdammten Kleckertrolley endlich fortzuräumen. Aber bis dahin können wir ja noch etwas Spaß haben ;-).
    Viele Grüße!
    Anke

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  11. Hallo Anka,

    als eine auf dem Hauptbahnhof arbeitende, dass gestresste Zugfahrervolk mit Futter und Getränke versorgende.... sagen wir Person. Kann sagen, du hast da tatsächlich einen zauberhaften Engel erwischt. Sollte diese Verkäuferin das lesen, wird sie sich freuen, denn auch ich freue mich, wenn ein Gast zu mir kommt und sagt "Sie sind so lieb, freundlich und Lächeln so zauberhaft", es gibt einem selbt in diesem Moment Kraft.

    In einem Hauptbahnhof zu arbeiten, ist nicht leicht für die Nerven, du hast es ja selbst am Anfang erwähnt, die Anzugträger, mürrische Senioren und auch völlig aufgestachelte Kids sind die täglichen Gäste mit denen man umgehen muss.
    Ich bin immer froh mal ein "Hallo" oder ein "Bitte zu hören". Nicht leicht sich sein Lächeln zu bewahren, wenn man immer wieder bad Vibrations bekommt oder sogar angepampt wird.

    Also nicht nur dir hat dieser Tresenengel den Tag versüßt, sondern du auch ihr, glaub mir.

    Liebe Grüße
    Grinse

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  12. Och wie toll, das freut mich, das sie dir deinen Tag dann versüßen konnte, im wahrsten Sinne des Wortes hihi :): Wow, dass du da so geduldig bleiben konntest, grade morgens würde mir das extreeem schwer fallen uii respekt :) glg Franzi

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  13. Hachja, diese kleinen Momente im Alltag, die einen den ganzen Ärger und Frust kurz vergessen lassen... ich hab zum Glück ganz wunderbare Kollegen, die das schaffen. Wenn ich mich mies fühle, dann reißen sie mich kurz raus.
    Liebe Grüße

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  14. Huhu Liebes <3

    was für ein wundervoller - mir jetzt auch ein Lächeln ins Gesicht zaubernder - Post. Schön dass es immer wieder Menschen gibt, die einen überraschen und glücklich machen, das macht die Welt doch gleich viel schöner und lässt die Sorte grummelige Griesgrame, die sich einen sch... um ihre Mitmenschen scheren vergessen.

    Wir sollten ein Buch über unsere Bahnerlebnisse schreiben, das würde bestimmt ein Bestseller werden *lach*.

    Drück dich ganz fest du wundervoller Schatz,

    Ally

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  15. ... und jetzt sitz ich hier und grinse.
    Danke dir!
    :)
    Liebe Grüße
    Christiane

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  16. Was für ein wunderschöner Text - Dankeschön! Schönste Grüße aus Braunschweig, Claraa <3

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