Montag, 23. Mai 2016

Namibia Diary #04 | Meine 1. Nacht und mein 1. Tag auf Okutala


Müde und erschöpft ließ ich mich aufs Bett fallen, dachte noch daran, meinen Wecker für den nächsten Morgen zu stellen, machte das Licht aus und schloss meine Augen.
Stille.
Dann.
Leises Krabbeln.
Kratzgeräusche.
Auf dem Dach.
Ein Krächzen.
Schaben.
Ein Heulen?
Licht wieder an.


OK, was hatte ich erwartet? Ich befand mich schließlich mitten in der Natur, umgeben vom namibischen Busch und all seinen tierischen Bewohnern. Um das reet-ähnlich gedeckte Dach des Bungalows, seine Wände, seine Ritzen, Spalten und Nischen machten sie keinen Umweg. Tatsächlich waren die ungewohnten Geräusche für mich Angsthase eine kleine Herausforderung. Während die anderen Xplorer jeweils zu zweit in ihren Bungalows wohnten, musste ich noch eine Woche auf meine Mitbewohnerin warten und war somit in meiner ersten Nacht in Afrika ganz auf mich allein gestellt. Aus Angst vor ungemütlichen kleinen und großen Krabbeltierchen wickelte ich mich komplett in das dünne Laken ein, bis nur noch mein Kopf oben rausguckte, das Licht ließ ich an. Kurzzeitig döste ich weg, dann schreckte ich wieder auf. Es dauerte sicher eine halbe Stunde, bis ich endlich einschlief.

Das Abenteuer Afrika wartet vor der Tür

Noch vor meinem Weckerklingeln wachte ich am nächsten Morgen auf. Trotz meiner anfänglichen Einschlafprobleme fühlte ich mich ausgeruht und wie neu geboren. Ich hatte wunderbar geschlafen, tief und fest, wie ein Baby.
Mein erster Weg führte mich auf den Balkon. Mit großer Vorfreude auf den bevorstehenden Tag, genoss ich den herrlichen Ausblick und huschte dann ins Bad. Mein Make-up ließ ich unberührt und entschied mich dazu, mir lediglich die Wimpern zu tuschen und mich großzügig mit Sonnencreme einzucremen. Schnell packte ich noch meinen Koffer aus, doch dann hielt mich nichts mehr in meiner Unterkunft. Obwohl ich noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Frühstück hatte, wollte ich nicht länger in meinem Zimmer warten, schließlich wartete draußen vor der Tür das Abenteuer Afrika auf mich. Also nichts wie los!

Die morgendliche Stimmung gefiel mir auf Anhieb. Es war noch etwas kühl, weshalb ich ein paar Schritte ging, um aus dem Schatten des Bungalows herauszutreten. So blinzelte ich glücklich in die Sonne und schaute mich um. Der Garten war wunderschön angelegt, die Vögel zwitscherten und ich konnte leises Fiepen und Rascheln vernehmen. Ich war also nicht die Einzige, die bereits wach war. Noch etwas verschlafen krochen die ersten Zebramangusten aus ihren Höhlen zwischen den Felsen vor unseren Bungalows. Kurzerhand setzte ich mich auf den Boden und beobachtete die putzigen Kerlchen, die sich neugierig und doch sehr vorsichtig näherten. Sie umrundeten mich, hielten aber doch Abstand. Lediglich ein mutiger Geselle traute sich ein bisschen näher heran, schnupperte kurz an meiner ausgestreckten Hand und lief dann, zusammen mit den anderen, an mir vorbei.

Schmunzelnd stand ich auf, ging ein paar Schritte, winkte einem Mitarbeiter zu, der gerade dabei war die Pflanzen zu wässern, und entdeckte eine der jungen Giraffen, die gerade die Auffahrt hochgelaufen kam. Wahnsinn! Und auch die anderen beiden kleinen Langhälse ließen sich blicken. Ich setzte mich auf ein kleines Mäuerchen und beobachtete die wunderschönen Tiere. Noch immer fiel es mir schwer zu glauben, dass ich das hier gerade wirklich alles erleben durfte. Echte, wilde Giraffen, direkt vor der Tür. Zwar an Menschen gewöhnt, aber dennoch wild und freilebend. Niemand zwang sie dazu, sich nahe der Lodge aufzuhalten, sie hatten volle 24.000 ha Platz. Niemand zwang sie, wir bestachen sie bloß. Womit? Das erzähle ich euch später, denn nun musste ich erstmal meinen Mauerplatz an der Sonne aufgeben...


... denn eine der drei Junggiraffen (übrigens 2 Männchen und 1 Weibchen, letztere trägt sogar den Namen der Farmmanagerin JJ) kam plötzlich auf mich zu. Also stand ich, beobachtet von dem lachenden Farm-Mitarbeiter, auf und sah zu, dass ich dem großer Tier Platz machte. Grazil stolzierte es auf den engen Wegen an mir vorbei Richtung Terrasse. In gebührendem Abstand folgte ich ihm, sagte noch fix den Squirrels "Guten Morgen" und traf schließlich in der Lodge auf JJ und Mathew. Ich wurde herzlich begrüßt und gefragt, ob alles in Ordnung sei, ob ich gut geschlafen hatte. Natürlich bejahte ich und erwähnte kurz, dass die nächtlichen Geräusche doch noch etwas ungewohnt für mich waren, auf weitere Ausführungen meiner Einschlaf-Versuche verzichtete ich jedoch. Mit einem Kaffee vor der Nase plauderten wir ein bisschen, bis kurz darauf auch die anderen Xplorer eintrafen. Wir bedienten uns am Frühstücksbüffet und erhielten einen kleinen Ausblick auf den heutigen Tag, unseren ersten Tag als Xplorer auf Okutala.

Okutala = sehen

Nach dem Frühstück versammelten wir uns auf dem Pool-Deck und bekamen von Mathew eine ausführliche Einführung. Dabei erfuhren wir, dass "Okutala" übersetzt "sehen" heißt. Tatsächlich konnten wir hier sehr viel sehen, doch am Ende der zwei Wochen würde ich feststellen, dass Okutala für mich weitaus mehr Bedeutung als bloß "sehen" bekommen hatte.
Aufgrund der engen Zusammenarbeit mit wilden Tieren mussten wir uns natürlich an einige Regeln halten. Mathew gab uns einen groben Überblick über die derzeit direkt auf dem Lodge-Gelände lebenden Tiere. Okutala ist bei den Farmern im Umkreis dafür bekannt, dass sich hier um verwaiste und hilfsbedürftige Wildtiere gekümmert wird. Immer wieder kommen also Neuzugänge auf die Farm, die liebevoll aufgepäppelt und versorgt werden. Einen kleinen Dämpfer gab es aber gleich zu Beginn: wir erfuhren, dass die von unserer Organisation "Praktikawelten" im Vorab-Briefing angekündigte Löwin leider im vergangenen Jahr an Altersschwäche gestorben war. Dennoch lebten aktuell noch einige so genannte "Predators" (Raubtiere) auf der Lodge, u.a. der kleine Gepard Onyx, der auf Okutala einen Platz gefunden hatte, weil seine Mutter von einem Farmer erschossen wurde, als dieser das Tier nahe seiner Viehherde entdeckte. Das gehört leider zum Alltag in Namibia. Mehr über den Gepardenschutz in Namibia werde ich euch zu einem späteren Zeitpunkt und an passenderer Stelle erzählen. Ein super interessantes Thema und eine tolle Arbeit, die da vom CCF geleistet wird.
Unsere Augen wurden ganz groß, als wir erfuhren, dass wir dem kleinen Onyx in Kürze einen Besuch abstatten würden, doch erstmal lauschten wir weiter Mathews Erklärungen und Informationen. Wie hatten wir uns zu verhalten, wenn wir auf eine Schlange trafen? Was würden unsere täglichen Aufgaben sein? Worauf wird auf Okutala besonders Wert gelegt?


Der Familien-Gedanke wird auf Okutala ganz groß geschrieben. Wir sollten uns nicht wie in einer Hotelanlage fühlen, nein, wir waren Teil des Teams, viel mehr noch, Okutala war für die kommende Zeit unser Zuhause. Wir waren nun ein Teil der Okutala-Familie, durften eigene Ideen einbringen, Verbesserungsvorschläge machen und uns frei rund um die Lodge bewegen. Wir würden überall mit offenen Armen empfangen werden, nicht nur von den Mitarbeitern, sondern auch von den Tieren, erzählte Mathew. Wir sollten alle kennenlernen, Freundschaften schließen und genauso offen und freundlich auf die Tiere zugehen, wie sie auf uns. Trotz der täglichen Aufgaben, die auf uns zukommen würden, hätten wir ausreichend Zeit, um uns mit den Tieren zu beschäftigen. Unser Tagesablauf sah wie folgt aus:
07:30 / 08:00 Uhr: gemeinsames Frühstück auf der Lodge-Terrasse
im Anschluss 1. Fütterungsrunde je nach Gruppenzuteilung
danach täglich wechselnde "Activity"
ca. 13:00 Uhr: Mittagessen auf der Lodge-Terrasse
danach Mittagspause & Freizeit
ca. 16:00 Uhr (meistens schon vorher): Kaffee & Snack auf dem Pool-Deck
danach 2. Fütterungsrunde
im Anschluss (6x die Woche) "Cat-Feeding" ... die "großen" Katzen
abends: gemeinsames Dinner entweder auf der Lodge-Terrasse oder Barbecue auf dem Pool-Deck
Ihr seht, die Zeitangaben sind etwas ungenau. Daran mussten wir "Deutschen" uns erstmal gewöhnen, jedoch stellten wir an den ersten Tag sehr schnell fest, dass diese ungenauen Zeitangaben durchaus berechtigt sind.

Auf Tour mit Doc Simone

Nach diesem langen Einführungsgespräch, bei dem wir den "Spirit of Okutala" recht flott verinnerlicht hatten, hielt uns nichts mehr auf unseren Schattenplätzen am Pool. Nun führte uns Mathew auf der Lodge herum, zeigte uns die große Küche, den Laundry-Room, das Lager, die Fahrräder, den so genannten "Prep-Room", in dem das Futter zu- und vorbereitet wurde und den Unterstand für die Fahrzeuge, die auf der Farm genutzt wurden. Natürlich liefen uns dabei auch so einige Tiere über den Weg. Es gab ein Wiedersehen mit Klippie, aber wir durften auch viele neue Farmbewohner kennenlernen, wie z.B. die jungen Strauße, die Hühner, Mama-Pfau mit Baby-Pfau und natürlich Onyx, den kleinen Gepard. So ein süßes Kerlchen, das aber ganz schön Zähne zeigen kann! Nach unserer kleinen Tour auf der Lodge war es schon wieder Zeit fürs Mittagessen.

Karol, Marvin, ich, Alana und Arndt
Normalerweise stünde nun "Freizeit" auf dem Plan, doch wir wurden von Simone abgeholt, der aus der Schweiz stammenden Tierärztin, die seit einigen Jahren auf Okutala lebt und arbeitet. Während sie ins Auto stieg, nahmen wir anderen auf der Ladefläche des Pick-ups Platz. In unserer Heimat war das nicht erlaubt, doch hier gehörte es zu unserem neuen Alltag dazu. Wir ließen uns bei unserer ersten kleinen Farmrundfahrt ordentlich durchpusten und ich genoss jede Sekunde. Zuerst kamen wir an der "Big aviary" vorbei, aus der wir lautstark begrüßt wurden. Große Aras kamen neugierig angeflogen, aber wir entdeckten auch kleinere Papageien und Vögel. Weiter ging es erst zu den Ziegen und Pferden, anschließend zu den Predators, zu den Tüpfelhyänen Wolfie und Sienna, den Leopardenbrüdern Matla und Itaba und der vierköpfigen Gepardengruppe. Lediglich letztere konnten wir in ihrem riesigen Gehege unter einem Baum entdecken, die anderen ließen sich in der Mittagssonne nicht blicken. Simone zeigte uns noch den Hangar, in dem die Luzerne gelagert wurden und wir fuhren am Farmhaus vorbei. Das Farmhaus, so erfuhren wir, sei die eigentliche Unterkunft der Xplorer. Ausgestattet mit eigenem Pool, Beach Volleyballfeld, Barbecue-Lounge und großem Aufenthaltsraum samt unterschiedlicher Musikinstrumente beherbergt es normalerweise bis zu 16 Volontäre, doch unsere kleine Gruppe kam während der ersten zwei Wochen in den Genuss eines Upgrades in die Lodge-Bungalows, die eigentlich für die Hotelgäste vorgesehen sind.

Zurück auf der Farm begann der anstrengendste Teil des Tages: Simone erklärte uns den Prep-Room. Wenn wir dachten, dass wir am Vormittag bereits viele Infos erhalten hatten, bewies uns Simone, dass noch ordentlich Luft nach oben war. Auf einer großen Tafel waren alle Tiere bzw. Tier-Gruppen aufgelistet. Jeweils dahinter stand, welches Futter sie bekamen und wie viel davon. Wir gingen jedes Tier durch während es im Prep-Room heißer und heißer wurde. Simone erklärte uns den Unterschied zwischen "big tin" und "small tin" und zeigte uns die verschiedenen Futtereimer. Nebenher erfuhren wir jede Menge über die einzelnen Tiere. Jedes hatte seine eigene Geschichte und ich konnte es gar nicht abwarten, sie alle näher kennenzulernen. Doch in diesem Moment hatte wohl nicht nur ich das Gefühl, dass wir bereits Stunden auf ein und derselben Stellen standen und zuhörten. Es waren so viele Informationen, gepaart mit all den ersten, überwältigenden Eindrücken - wie sollte man da bloß den Überblick behalten? Irgendwann hatte Simone jedoch Erbarmen und entließ uns.

An dieser Stelle, liebe Blubberfreunde, beende ich meinen chronologischen Erzählstil, was aber nicht heißen soll, dass mein Namibia Diary ebenfalls endet. Nein, ganz im Gegenteil. Nun geht es erst richtig los. Sicherlich wollt ihr wissen, wie ich mich auf Okutala eingelebt habe, wie mein erster "normaler" Tag ablief, welche Aufgaben ich tatsächlich hatte und welche Activities auf dem Programm standen, oder? Ich denke auch, dass viele von euch mehr über die einzelnen Tiere erfahren möchten, kann das sein? Ich hoffe doch, denn in den nächsten Diary-Einträgen widme ich mich den einzelnen Farmbewohnern, stelle sie euch vor und erzähle euch ihre Geschichten. Natürlich werde ich euch auch jede Menge Bilder zeigen, euch verraten was der "Cleaning Day" ist, wie man "Elephant-Baseball" spielt und euch mit auf unseren Campingsausflug in den Etosha Nationalpark nehmen. Es gibt noch so viel, das ich mit euch teilen möchte und ich würde mich freuen, wenn ihr beim nächsten Diary-Eintrag wieder mit dabei seid!

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Mein Namibia-Diary:

Beitragsübersicht "Lebe deinen Traum - Namibia 2016"

Alle Namibia-Videos auf einen Blick findet ihr HIER!

Blubbert mit mir!
    

Kommentare:

  1. Hallo Anka,
    auch dieser Diary Eintrag gefällt mir wieder sehr gut. Ich bewundere es echt, wie du auch nach mehreren Monaten das "Namibia Gefühl" aufrecht erhalten und uns so lebhaft davon berichten kannst. Ich stelle bei mir immer fest: Je länger etwas her ist - entweder eine Reise, oder z.B. auch ein gelesenes Buch - desto schwerer fällt es mir, die Eindrücke aufrechtzuerhalten und das Gefühl gut transportieren zu können.

    Ich bin sehr gespannt auf weitere Berichte.
    Ich hoffe, du hattest einen guten Start in die neue Woche
    viele Grüße
    Emma

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    1. Liebe Emma,
      ich freue mich sehr darüber, dass du meine Namibia-Berichte mit Freude verfolgst und danke dir sehr für deine lieben Worte. Auf der einen Seite fühlt sich Namibia ganz weit weg an, auf der anderen bin ich mit meinem Herzen einfach immer noch dort, weshalb ich nicht zugelassen habe, dass die Erinnerungen verblassen. Ich glaube aber auch, dass das schlichtweg unmöglich sein wird, dafür waren die Erlebnisse einfach zu eindrucksvoll!
      Viele liebe Grüße
      Anka

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  2. Hallo Anka,

    endlich habe ich mal die Zeit gefunden und mir heute Morgen beim Frühstück deine bisheriger Namibia Diaries durchgelesen. In deinen Beiträgen spürt man sehr gut deine Freude und ich freue mich auf weitere Beiträge darüber. Es klingt nach einer sehr aufregenden Zeit in Namibia.

    Liebe Grüße,
    Uwe

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    1. Lieber Uwe,
      vielen Dank für dein Feedback! Es freut mich sehr, dass du in meinen Diaries geschmökert hast! Es ist und bleibt ein Herzensprojekt, an dem ich sehr hänge.
      Liebe Grüße und bis morgen,
      Anka

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