Montag, 12. Februar 2018

Postkarten an Dora | Clara Gabriel | Rezension

Meistens lohnt es sich, ein Buch nicht nur als ein Buch zu betrachten, sondern sich auch über die Lesezeit hinaus näher mit der Thematik oder der Entstehungsgeschichte zu beschäftigen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Roman „Postkarten an Dora“, den die Autorin Clara Gabriel im Jahr 2017 veröffentlicht hat.

Normalerweise mache ich einen großen Bogen um Bücher, deren Kurbeschreibungen mit einer Ortangabe verbunden mit einer Jahreszahl beginnen. Historische Romane standen bisher selten bis gar nicht auf meiner „Want to read“- Liste, was sich aber mit dem Griff zu „Postkarten an Dora“ ändern sollte. In Vorbereitung auf ein Interview auf der letztjährigen Frankfurter Buchmesse habe ich mich näher mit der Debütautorin und ihrem ersten Roman auseinandergesetzt.

Clara Gabriel hat Weihnachten 2013 eine alte Postkartensammlung gefunden. Die 192 Ansichtskarten stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert und sind fast alle an Dora Neumann adressiert. Schnell war der Autorin klar, dass sie hier einen kleinen Schatz in Händen hielt, denn Dora Neumann scheint ein außergewöhnlich aufregendes Leben gelebt zu haben. Je mehr sich Clara Gabriel mit der jungen Frau beschäftigte, desto deutlicher wurde das Bild, dass sich ihr vor ihrem inneren Auge offenbarte. Doch viele ihrer Fragen blieben unbeantwortet und so begann sie, sich eine Geschichte für die außergewöhnliche Frau auszudenken.

Dora ist 17 Jahre jung, als sie 1905 von zu Hause ausreißt, um das Leben einer umjubelten Schauspielerin im fernen Amerika zu leben, von dem sie träumt, seit sie ein kleines Mädchen war. Mit Mut, List und Tücke befreit sie sich aus den strengen Fängen ihres Elternhauses und bricht in ein großes Abenteuer auf. Auf ihrer langen Reise zu ihren Träumen und sich selbst, lernt sie viele Menschen kennen, wird mit der ein oder anderen ziemlich gefährlichen Situation konfrontiert und muss sich Problemen stellen, die sie sowohl verzweifeln als auch weiter wachsen lassen.

Dora ist eine Romanheldin, die mich von der ersten Seite an fasziniert hat. Sie strotzt vor Lebenshunger, wirkt und handelt zwar oftmals naiv, bezaubert aber auch mit ihrer jugendlichen Neugier, Unbekümmertheit und Unerschrockenheit. Für damalige Verhältnisse ist sie außergewöhnlich keck, frech, aufmüpfig und nicht auf den Mund gefallen. Sie lernt schnell, wie man sein Publikum bezirzen und für sich einnehmen kann, egal ob auf der Bühne oder im stillen Kämmerlein. Dabei hält sie an ihrem Traum fest, kämpft für die Momente, in denen sie als junge Frau im Rampenlicht steht und alle Aufmerksamkeit und Bewunderung ihr gilt.

„Postkarten an Dora“ ist kein Roman, den man an drei Tagen ausgelesen hat und dann zur Seite legt. Ich hatte das Gefühl, dass Dora Teil meines Alltags wurde und ich freute mich jeden Abend darauf nachzulesen, wie es ihr zwischenzeitlich ergangen ist. Aufgrund der kleinen Schrift und der eng bedruckten Seiten durfte ich tatsächlich viel Lesezeit mit Dora auf ihrer aufregenden Reise verbringen. Mir gefiel es sehr, dass Clara Gabriel wohl ebenso wenig wie ich ein Fan von ausschweifenden Beschreibungen und unnötigen Hintergrundinformationen ist. Obwohl hier auf viele ausschmückende Beschreibungen verzichtet wird, hatte ich die Szenerie genau vor Augen, egal ob ich mich gerade mit Dora in London, auf hoher See oder im falschen Amerika befand.

Wie bei historischen Romanen so üblich, bekam ich beim Lesen viele Einblicke in das Leben der damaligen Zeit, jedoch stand die junge Protagonistin mit ihren Gedanken, Gefühlen und Erlebnissen ganz klar im Mittelpunkt. Wie haben Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelebt? Welche Stellung hatten sie in der Gesellschaft inne? Welchen Schwierigkeiten waren sie ausgesetzt, wenn sie, so wie Dora, ohne Begleitung reisten? Natürlich ist mir bewusst, dass die Stellung der Frau damals im Vergleich zur heutigen Zeit einen wahnsinnigen Wandel durchlaufen hat, doch dass das Thema Prostitution so präsent und so unausweichlich war, hat mich massivst erschreckt. Menschenhandel, Vergewaltigung, Drogenmissbrauch und Erpressung werden in "Postkarten an Dora" ebenso thematisiert wie die starren Gesellschaftsstrukturen, verbotene Liebe und Korruption.

Auf den über 500 Seiten ist es der Autorin immer wieder gelungen mich zu überraschen, stellenweise gar zu überrumpeln. Vereinzelte Perspektivwechsel ermöglichten mir überraschende Einblicke in das Denken & Handeln anderer Figuren und verliehen der Geschichte zusätzliche Spannung. Die einzigen Stolpersteine, die meinen Lesefluss ab und an etwas ausgebremst haben, waren die schwachen Dialoge, denen meist die Lebendigkeit und Authentizität fehlten. Sie wirkten häufig wie den Figuren in den Mund gelegt, sodass sie wie auswendig gelernter Text eines schlechten Laientheaterstücks bei mir ankamen. Da aber die Handlung im Fokus steht und die Dialoge keinen immens großen Raum bekommen, konnte ich nach kurzem Stolpern recht fix wieder in die Geschichte eintauchen.

Clara Gabriel schreibt auf ihrer Homepage zum Buch, dass die echte Dora Neumann "ein richtiger Feger" gewesen sein muss. Meiner Meinung nach kann man auch der Romanheldin diesen Stempel aufdrücken. Auch wenn ich manchmal ziemlich genervt von Doras teils arroganter, hochnäsiger Art war, so habe ich sie auf der nächsten Seite aufgrund ihres Mutes und Lebenshungers wieder geliebt. Die junge Frau hat es faustdick hinter den Ohren und es war mir eine große Freude, sie auf ihrem Weg zu begleiten. Die letzten Seiten konnten mich nach all der Aufregung, die im letzten Fünftel passiert, beruhigen und richtig berühren. Ein schöner Abschluss, dem die Autorin mit ihrem spannenden Nachwort noch ein Sahnehäubchen aufgesetzt hat.



W E I T E R F Ü H R E N D E   I N F O S

Taschenbuch | 512 Seiten | erschienen 2017 im Cornelia Griebel Verlag | ISBN 9783000572722 | HIER findet ihr mehr über Clara Gabriel bei Ankas Geblubber


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