Donnerstag, 22. März 2012

[Rezension] Virtuosity. Liebe um jeden Preis - Jessica Martinez



·  Titel: Virtuosity - Liebe um jeden Preis
·  Autor: Jessica Martinez
·  Hardcover: 253 Seiten
·  Verlag: Boje Verlag (Februar 2012)
·  ISBN: 978-3-414-82322-9
·  Genre: Jugendbuch
·  FSK: empfohlen ab 14 Jahren

·  Preis: 12,99 Euro
  

Buchtrailer


Der Vollständigkeit halber zeige ich euch hier den Buchtrailer, bin jedoch der Meinung, dass er überhaupt nicht zum Buch passt und eine ganz  falschen Eindruck hinterlässt... Klar gibt es hier eine Liebesgeschichte, aber meiner Meinung nach steht sie nicht im Mittelpunkt... Naja, später mehr dazu.


Kurzbeschreibung des Verlages

Die siebzehnjährige Carmen ist ein Star. Sie tourt mir ihrer Geige durch die Welt und spielt überall vor ausverkauften Konzertsälen. Doch die Konkurrenz ist hart. Beim Guarneri-Wettbewerb treten Jungstars aus den verschiedensten Ländern gegeneinander an - und nur der Sieg zählt.
Carmen steht unter Druck, den sie nur noch mit Tabletten in den Griff bekommt. Doch dann lernt sie Jeremy kennen, ihren ärgsten Konkurrenten um den Sieg. Und obwohl Carmen weiß, dass sie sich vor ihm in Acht nehmen sollte, fühlt sie sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen. Für Carmen ist die Zeit gekommen, sich zu entscheiden: Setzt sie auf Sieg oder auf die Liebe ...

Ankas Geblubber


"Wenn wir Dinge nicht mehr um ihrer selbst Willen tun, weil wir damit den Zwang zur stets abrufbaren Leistung verknüpfen, dann ist unsere Liebe dazu zu verkümmern bestimmt." 
Elodie Jardinier


Dieses Buch hat mich bewegt, aufgewühlt und zu Tränen gerührt.

Der Prolog bzw. das 1. Kapitel, ließen mir direkt das Blut in den Adern gefrieren. Carmen Bianchi lässt ihre 1,2 Millionen Dollar Geige mit voller Absicht vom Balkon fallen. Was muss in diesem jungen Mädchen vorgehen? Was ist vorgefallen, dass sie sich zu diesem unfassbaren Schritt entscheidet? Was ist unmittelbar davor passiert?
Um all meine Fragen zu klären, habe ich natürlich weiter gelesen. Das nächste Kapitel beginnt recht ruhig und ich lernte Carmen von einer ganz anderen Seite kennen. Ein bisschen hibbelig und leicht verknallt wartet sie in einem Café darauf, Jeremy zu sehen. Er ist, genau wie sie, ein äußerst begabter Violinist und ihr stärkster Konkurrent beim kurz bevor stehenden Guarneri-Wettbewerb. Der Sieg wird nicht nur hoch prämiert, sondern zieht eine große Welttournee mit sich. Carmen hat als "Wunderkind" bereits überall gespielt, doch dieser Wettbewerb würde über ihre weitere Karriere entscheiden.

In mehreren kleinen Rückblenden konnte ich Carmen und ihre Familie näher kennen lernen. Ihre Mutter war früher selbst ein angehender Star, musste jedoch, nach einem unausweichlichen medizinischen Eingriff, ihre Karriere auf Eis legen. Nun versucht sie alles, um ihren Traum im Erfolg ihrer Tochter weiterzuleben. Als Managerin steht sie Carmen zur Seite und führt sie die Karriereleite immer weiter hinauf. Der Ruhepol in der Familie ist Carmens Stiefvater, zu dem sie eine ganz besondere Bindung hat. Diese liebevolle Beziehung zwischen den beiden Charakteren, hat mich sehr berührt.
Da die Autorin Jessica Martinez selbst Musikerin in einem Orchester war/ist, ist es ihr hervorragend gelungen, ihre Erfahrungen aber auch ihre Liebe zur Musik in ihren Jugendroman einzubringen. Ich war richtig bewegt mitzuerleben, welche Bedeutung die Musik für Carmen hat und wie sehr sie sich regelrecht in ihr verlieren kann. Doch diese Situationen und besonderen Momente werden in Carmens Leben immer seltener. Sie wirkt wie eine Maschine, wie ferngesteuert. Sie funktioniert einfach. Ich hatte das Bild einer Marionette im Kopf, an deren Strippen Carmens Mutter zieht.

Lampenfieber vor einem Auftritt? Das kann Carmen sich nicht mehr leisten. Mithilfe von Beruhigungstabletten liefert sie tagtäglich aufs Neue eine perfekte Show ab. Doch wie beschreibt sie das Gefühl während eines Auftrittes? Was fühlt sie, wenn sie ihre Zuhörer gepackt und zu einem fulminanten Ende geführt hat? Zuhörer? Nein, die nimmt sie gar nicht mehr war, schaut über die Köpfe hinweg und spielt ihr antrainiertes Programm.
Erst mit Jeremys Hilfe gelingt es ihr, die Liebe zur Musik wieder zu entdecken, die Musik zu fühlen, sich mit ihr auszudrücken und all ihre Gefühle in ihr Spiel zu legen.

Jeremy ist Carmens ärgster Konkurrent. Anfangs wird er sehr unnahbar und arrogant beschrieben, doch Carmen fühlt sich trotz allem zu ihm hingezogen. Irgendwie verständlich, denn macht Jeremy nicht genau das Gleiche durch wie sie? Auch er ist ein groß gefeierter Violinist, tourt um die Welt und verbringt die meiste Zeit in Hotelzimmern oder auf Konzertbühnen. Es gibt niemanden, der Carmen besser verstehen könnte als er. Die beiden lernen sich näher kennen und Jeremy gelingt es, Carmen die Augen zu öffnen. Kurzzeitig fühlt sie sich wie ein ganz normales Mädchen, das im Sekundentakt ihr e-Mail Postfach aktualisiert, nur um zu sehen, ob er schon geantwortet hat. Diese Sehnsucht nach Normalität und der Wunsch, für ein paar Augenblicke aus diesem Business auszubrechen, die Zeit anzuhalten und einfach nur den Moment zu leben, haben mich bewegt und melancholisch gestimmt. Ich bin tief in Carmens Welt eingetaucht, was mir durch die Erzählweise aus der Ich-Perspektive, also aus Carmens Sicht, auch sehr leicht gemacht wurde. Ich habe so mit ihr mitgefühlt, dass es nach dem Zuklappen des Buches einen Moment gedauert hat, bis ich wieder "in meiner Welt" angekommen war. Je näher der Wettbewerb rückte, desto kribbeliger und nervöser wurde ich. Jeder Schmetterling, der in Carmens Bauch flog, drehte auch bei meinem seine Runden und jede Enttäuschung, die Carmen einstecken musste, ließ auch bei mir die Tränen kullern.

Was mich im Nachhinein stört ist, dass im Trailer aber auch in der Kurzbeschreibung das Hauptaugenmerk auf die Liebesgeschichte gelenkt wird. Natürlich spielt sie auch eine Rolle und sorgt für ein aufreibendes Gefühlschaos. Man kann sich doch nicht in jemanden verlieben, den man eigentlich hassen müsste... Und was ist, wenn einem die Gefühle nur vorgespielt werden, um einen vom Wesentlichen abzulenken? 
Meiner Meinung nach liegt hier aber der Fokus auf der Liebe zur Musik und auch auf dem Erfolgsdruck, der auf den jungen Talenten lastet. Was aus groß gefeierten Kinderstars, Leistungssportlern und Hollywoodschauspielern werden kann, wenn es mit der Karriere bergab geht und was der Druck mit diesen, meistens noch sehr jungen, Menschen anstellt, haben wir an vielen Beispielen gesehen. Auch in "Virtuosity" führt Jessica Martinez ihre Leser an die Schattenseite des Erfolges heran. Drogen, Konkurrenzkampf, Leistungsdruck, Macht, Kriminalität und und und.

An der Seite von Carmen habe ich dem Finale des Wettbewerbes entgegen gefiebert. Am Ende kam schließlich alles ganz anders als erwartet. Ich bin beeindruckt, erschreckt, erleichtert und zufrieden mit dem Ausgang der Geschichte, den die Autorin gewählt hat. 
Die Wandlung,die Carmen auf diesen 249 Seiten erlebt, ist großartig und authentisch beschrieben. Ich hätte mir noch ein paar Kapitel mehr gewünscht, um auch Jeremy noch näher kennen zu lernen.

Ganz besonders positiv ist mir der Schreibstil der Autorin aufgefallen. Die Sprache entspricht der eines Jugendbuches und die Seiten lassen sich flüssig lesen. Trotzdem ist der Schreibstil anders, als in anderen Jugendbüchern. Es schwebt immer eine gewisse Melancholie mit und stellenweise wirkte er leicht poetisch, sodass ich ihn sogar mit "Ruht das Licht" vergleichen konnte .

Abschließend spreche ich meine uneingeschränkte Leseempfehlung aus. Mich hat diese Geschichte unheimlich berührt und ich lege sie euch gern ans Herz. Wer sich auf dieses besondere Jugendbuch und die Liebe zur Musik einlassen kann, der sollte unbedingt zu "Virtuosity" greifen und sich für kurze Zeit in Carmens Welt entführen lassen.