Mittwoch, 4. Oktober 2017

The Hate U Give | Angie Thomas | Rezension



· Titel: The Hate U Give
· Originaltitel: The Hate U Give
· Autorin: Angie Thomas
· Übersetzt von: Henriette Zeltner
· Medium: Hardcover (509 Seiten)
· Verlag: cbt (Juli 2017)
· ISBN: 978-3-570-16482-2
· Genre: Jugendbuch (empfohlen ab 14 Jahren)
· Preis: 17,99 Euro

Leseprobe



K U R Z B E S C H R E I B U N G

Die 16-jährige Starr lebt in zwei Welten: in dem verarmten Viertel, in dem sie wohnt, und in der Privatschule, an der sie fast die einzige Schwarze ist. Als Starrs bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen wird, rückt sie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Khalil war unbewaffnet. Bald wird landesweit über seinen Tod berichtet; viele stempeln Khalil als Gangmitglied ab, andere gehen in seinem Namen auf die Straße. Die Polizei und ein Drogenboss setzen Starr und ihre Familie unter Druck. Was geschah an jenem Abend wirklich? Die Einzige, die das beantworten kann, ist Starr. Doch ihre Antwort würde ihr Leben in Gefahr bringen...
Textquelle: cbt


A N K A S   G E B L U B B E R

Es fiel mir nicht leicht, einen passenden Einstieg in diese Rezension zu finden. Selten hat eine Buchbesprechung so viele Anfänge von mir verpasst bekommen, wie diese. Und trotz ihrer Vielfalt habe ich sie alle wieder verworfen. Wie beginnt man eine Rezension zu einem Buch, das das Thema rassistische Polizeigewalt behandelt? Ein weißer Cop erschießt einen jungen schwarzen Mann - ein Szenario, das uns allen nicht unbekannt ist. Immer wieder hört man hier im (scheinbar) weit entfernten Europa von solch furchtbaren Nachrichten aus den USA. Um mich noch intensiver mit diesem Thema auseinanderzusetzen, habe ich Google befragt und bin schnell auf jede Menge Berichte, Zeitungsartikel und Videoclips gestoßen. Zuerst ins Auge gestochen ist mir der Fall Michael Brown. Der 18-jährige unbewaffnete, afroamerikanische Schüler wurde 2014 nach einer Auseinandersetzung von einem weißen Polizisten erschossen. Nachdem dieser von der Grand Jury vor einer Anklage bewahrt wurde, brachen große Aufstände und Tumulte los.

Diejenigen, die "The Hate U Give" bereits gelesen haben, werden sich denken "Mensch, das kommt mir jetzt aber bekannt vor." So ging es auch mir bei meiner kleinen Recherche. Ich las mich in weitere Fälle ein, erfuhr dabei vom Schicksal des 17-jährigen Trayvon Martin, dessen Todesschütze, ein 28-jähriger Wachmann, nach seiner Verurteilung von einer Jury freigesprochen wurde. Ebenso erschreckend und deshalb erwähnenswert die Fälle von Philando Castile und Alton Sterling, die 2016 durch Polizeikugeln starben. Anlässlich dieser beiden Morde wurden bei Demonstrationen 5 Beamte getötet und sieben weitere teils lebensgefährlich verletzt.

All dies scheint so weit weg zu passieren, doch die Autorin Angie Thomas holt dieses brisante Thema in unsere Wohn- und Schlafzimmer und lässt uns auf schmerzhaft authentische Art und Weise Teil der Geschichte werden. Sie zwingt uns hinzusehen, die Augen nicht zu verschließen und macht uns aufmerksam. Plötzlich scheint Starrs Geschichte, die Angie Thomas hier erzählt, gar nicht mehr so fiktiv zu sein.

Mit Starr hat Angie Thomas eine unheimlich starke und mutige junge Frau erschaffen, die Unfassbares miterleben muss, die schon als Kind gelernt hat, dass die Polizei in ihrer Welt nicht unbedingt "dein Freund und Helfer" ist, für die Schüsse in der Nachbarschaft beinahe so vertraut klingen wie für uns das laute Hupen von gestressten Autofahrern im Stadtverkehr. Eine Frau, die schon früh lernen musste, mit dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen. Eine Frau, die in zwei Welten zu Hause ist und beide strikt voneinander trennt. Aber nicht nur das, ich bin mir sicher, dass Angie Thomas mit Starr vielen Menschen Gehör verschafft, Mut geschenkt, Verständnis entgegengebracht und eine Stimme gegeben hat.

"Immer habe ich gesagt, wenn ich dabei wäre, wenn so was passiert, dann hätte ich die lauteste Stimme und würde dafür sorgen, dass die Welt erfährt, was passiert ist. Jetzt bin ich genau diese Person und habe zu viel Angst, den Mund aufzumachen." (S. 44)

Ich könnte jetzt noch auf den Schreibstil, die Sprache, die wunderschönen Aussagen, die starken Charaktere, die Emotionen und die teils unerwarteten Plot-Twists zu sprechen kommen, doch davon sollt ihr euch einfach selbst überzeugen. Meiner Meinung nach ist "The Hate U Give" ein politisch und gesellschaftlich wichtiges (Jugend-)Buch, das den Weg in alle Schlaf-, Wohn- und Klassenzimmer finden sollte, ein Buch, über das man sprechen muss und dessen Thema niemals totgeschwiegen werden darf. Der Kampf für Gerechtigkeit darf und wird niemals aufhören. Angie Thomas sagt es schon ganz richtig: "Wozu hat man eine Stimme, wenn man in den entscheidenden Momenten schweigt?" (S. 288) Wir sollten viel häufiger unsere Stimmbänder gebrauchen und uns für das einsetzen, was wir wollen. Dazu gehört auch, dass wir lernen Fragen zu stellen und Probleme anzusprechen, selbst oder gerade dann, wenn sie unangenehm sind.

"Manchmal machst du alles richtig, und es geht trotzdem alles schief. Entscheidend ist, dass du dennoch nie aufhörst, das Richtige zu tun." - noch so ein Gedanke, den die Autorin ihren Lesern auf Seite 179/180 mit auf den Weg gibt. Zu schweigen, wenn jemandem Ungerechtigkeit widerfährt, nichts zu sagen, wenn jemand ungerecht behandelt und (aus welchem Grund auch immer) diskriminiert wird, ist schlicht und ergreifend FALSCH. Mach den Mund auf und nutze deine Stimme, denn deine Stimme ist wichtig. Selbst wenn du dabei im ersten Moment auf kein Gehör stößt oder dir gar eine verbale Backpfeife einfängst - du tust das Richtige.

"The Hate U Give" hat mich beeindruckt und gleichzeitig verletzt, es hat mich dermaßen wütend, traurig aber auch hoffnungsvoll gestimmt. Es hat mir eine mir vollkommen fremde Welt aufgezeigt, vor der ich mich gefürchtet, für die ich mich geschämt und für die ich gebrannt habe. Ich wünsche mir von Herzen, dass es all dies auch mit euch machen wird und in euch dasselbe bewirkt wie in mir.



W E I T E R F Ü H R E N D E   I N F O S


BUCHTRAILER:



Lesenswerte Links zum Thema, auf die ich während meiner Recherche gestoßen bin:
(Ja, ich weiß, dass ich hier auf Wikipedia verweise. Trotzdem waren diese Seiten der Ausgangspunkt meiner Recherche)


Wenn euch dieses Buch gefallen hat, schaut euch auch mal diese Titel an:
(Ein Klick aufs Bild leitet euch zu weiteren Infos zum jeweiligen Buch)

Loverboys  

Weitere Leser-/Bloggerstimmen zu "The Hate U Give" findet ihr u.a. ....
im BücherKaffee | bei MagicAllyPrincess BookDreams | bei Astis Hexenwerk 


Blubbert mit mir!
    

Kommentare:

  1. Hallo Anka,

    eine wirklich großartige und sehr neugierig machende Rezi zu diesem Buch. Ich freue mich schon sehr darauf es zu lesen und bin gespannt, was diese Geschichte in mir auslösen wird.

    Ich kann dir nur zustimmen, seine Meinung kund zu tun, solange sie Gewaltfrei bleibt.

    Liebe Grüße,
    Uwe

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    1. Lieber Uwe,
      danke, dass du vorbeigeschaut hast und dir meine Rezension gefallen hat. Ich bin gespannt, was du zu THUG sagen wirst. Die Sprache ist schon sehr polarisierend. Mich hat sie teilweise ein bisschen gestört, doch im Endeffekt hat sie perfekt zum Buch gepasst, um die Geschichte noch authentischer zu machen.
      Liebe Grüße
      Anka

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  2. Huhu!

    Ich kann gar nicht anders als dir recht zu geben!!! Ich habe dieses Buch gleich nach seinem Erscheinen im Sommer gelesen (und das, obwohl ich eigentlich an meiner Uni-Arbeit zum Thema "CO2 Sensor" hätte weiterarbeiten sollen *schäm*) und war sehr, sehr bestürzt - gerade wegen der vielen kleinen Details, die du auch in deiner Rezi erwähnst. Dieses "Wir sind es gewohnt, dass Schüsse fallen" ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben, weil ich mir dachte, dass es uns hier wirklich gut geht, wenn wir sagen können, dass wir so etwas nicht kennen ...

    Liebe Grüße
    Luna

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