Donnerstag, 11. Juni 2020

Das Gegenteil von Hasen | Anne Freytag

Wie werde ich in meiner Rezension einem Roman wie diesem gerecht?

Generell liebe ich es, über Bücher zu sprechen, die mir besonders gut gefallen haben. Es fällt mir leicht, meine Begeisterung zu transportieren. Ich erzähle, warum mir das Buch so gut gefallen hat und oft auch, was es in mir ausgelöst, was es mit mir gemacht hat.
Doch manchmal gibt es Bücher, bei denen mir bereits beim Lesen klar wird, dass ich niemals die richtigen Worte für meine Rezension finden werde, um dem gerecht zu werden, was die Autorin bzw. der Autor geschaffen hat. „Das Gegenteil von Hasen“ von Anne Freytag ist so ein Buch.

Also, wie beginne ich jetzt? Vielleicht mit einer groben Vorstellung des Inhalts – wobei ich denke, dass es besser ist, so wenig wie möglich über dieses Buch zu wissen, bevor man es aufschlägt.

Es sind Tagebucheinträge, die in „Das Gegenteil von Hasen“ eine wichtige Rolle spielen und die, wie es die Autorin beschreibt, zum Brandbeschleuniger werden. Genauer gesagt sind es die Tagebucheinträge einer jungen Frau. Julia ist 17 Jahre alt und schreibt sich alles von der Seele, was sie aktuell beschäftigt. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund – wieso auch? Schließlich rechnet sie im Traum nicht damit, dass ihre persönlichen/privaten Gedanken je von jemand anderem gelesen werden, als von ihr. Doch genau das passiert. Ihre Tagebucheinträge finden einen Weg in die Öffentlichkeit und plötzlich werden bloße Worte zu einer gefährlichen Waffe.

Anne Freytag ist, in meinen Augen, eine der wichtigsten Stimmen der aktuellen Gegenwartsliteratur in Deutschland. Auch, wenn ihre Romanheldinnen und –helden meist unter 18 Jahre alt sind, lassen sich Freytags Bücher nicht so einfach in die Regale der Jugendbuchabteilung einsortieren. Sie haben ebenso eine Daseinsberechtigung in der Romanabteilung für alle Altersklassen – sie sind „All Age“- Titel, die sowohl von Jung als auch von Alt (und allen dazwischen) gelesen werden können… und sollten!

Direkt aber sanft und gerade deshalb so authentisch, gelingt es der Münchener Autorin, selbst unbequeme und stets aktuelle Themen anzusprechen, mit denen sich ihre Protagonistinnen und Protagonisten auseinandersetzen müssen. Sie nimmt ihre Charaktere ernst, lässt ihre Leserinnen und Leser Figuren, die anfangs stereotyp wirken möchten, hinter die Fassade blicken. Hier gibt es kein schwarz und weiß. Jede Figur hat Gründe für ihr Handeln, macht Fehler und kann nicht einfach als „gut“ oder „böse“ abgestempelt werden. Eine tolle Lehre, die wir aus ihren Büchern mitnehmen können.

Auch sprachlich sind Freytags Romane ein echtes Schmankerl. So zeichnet sie bunte Bilder, macht Gefühle spürbar und erreicht dabei, trotz der teils unbequemen Themen, eine wunderbare Leichtigkeit. Ihre Geschichten sind wuchtig, jedoch nie zu schwer. Hier die genau richtige Schnittmenge zwischen Leichtigkeit und Schwere zu finden und dabei kein Deut an Authentizität einzubüßen, ist mit Sicherheit nicht leicht – Anne Freytag schafft es aber immer wieder.

Mir hat es sehr gefallen, dass man beim Lesen stets aufmerksam sein muss. Die Autorin nutzt sowohl unterschiedliche Stilmittel, so z.B. Protokolle und Tagebucheinträge, als auch ständige Perspektivwechsel, um ihren Leserinnen und Lesern ein gutes Bild über ihre Geschichte zu geben. Wir schlüpfen in verschiedene Köpfe, erleben die Ereignisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln und können so neue Erkenntnisse sammeln und Verständnis für manches Handeln entwickeln. Insbesondere zu Beginn sollte man aufmerksam lesen, um einen Überblick zu gewinnen. Ist man aber erstmal in der Geschichte drin, möchte man sie so schnell nicht mehr verlassen. Ab circa der Hälfte des Buches war ich mir sicher: ich lese eines der besten Bücher, die mir je in die Finger gekommen sind. Leider konnte ich diese Euphorie auf den letzten 50-100 Seiten nicht mehr aufrechterhalten. Ich hatte das Gefühl, dass die Autorin meine Aufmerksamkeit auf den letzten Seiten doch noch ein Stück weit verloren hat. Die Geschichte wird sehr ruhig erzählt – vielleicht wurde mir das zum Verhängnis? Mir persönlich hätte ein bisschen mehr Pfeffer am Ende gut gefallen.

Schlussendlich kann ich aber gar nicht anders, als eine absolute Leseempfehlung für „Das Gegenteil von Hasen“ auszusprechen. Ein großartiger Roman, der gleichzeitig so vieles ist: ein Abbild unserer heutigen Zeit, ein Denkanstoß was die unbedachte Nutzung der Sozialen Medien angeht, ein Megafon für die leisen Stimmen, die gern mal untergehen, ein Appell an uns alle, Menschen nicht in Schubladen zu stecken, sondern sich die Zeit zu nehmen, ihnen zuzuhören und hinter ihre Fassaden zu schauen, eine Aufforderung dazu die Wahrheit zu sagen, auch wenn es sehr viel Mut und Überwindung kosten kann. Das ist eine Menge, oder? Jeder sollte herausfinden, was diese Geschichte noch ist, jeder nimmt sie schließlich unterschiedlich auf – und das ist auch gut so. Ja, sie will viel, mag vielleicht auch etwas überladen erscheinen, weil wirklich viele Themen einen Platz in ihr finden. Mich hat das aber nicht gestört, ganz im Gegenteil, mir hat es nur zusätzlich noch mal bewusst gemacht, dass jede/r ihr/sein Päckchen zu tragen hat. Jeder Mensch hat Sorgen, jeder Mensch muss sich mit Ereignissen und Emotionen auseinandersetzen, jeder Mensch steht von Zeit zu Zeit Hürden gegenüber, die unüberwindbar erscheinen.

Ich wünsche mir mehr Verständnis füreinander, weniger Instagram-Filter, mehr offene Gespräche, weniger Vorurteile, mehr Wahrhaftigkeit, weniger Ignoranz, mehr Empathie. Diese Gedanken hat das Buch in mir ausgelöst – und welche in dir?

W E I T E R F Ü H R E N D E   I N F O S

Hardcover* | 416 Seiten | erschienen am 25. Mai 2020 bei heyne fliegt | ISBN 978-3-453-27280-4 | Mehr über die Autorin bei Ankas Geblubber findet ihr HIER 

* = dieses Buch wurde mir vom heyne fliegt Verlag als kostenfreies Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt, was jedoch keinerlei Einfluss auf meine persönliche Meinung zum Titel hat

Vor einiger Zeit habe ich eine Lesung von Anne Freytag und Adriana Popescu aus "Mein bester letzter Sommer" besucht - HIER könnt ihr euch meinen Lesungsbericht ansehen.


Wenn euch dieses Buch gefallen hat, schaut euch auch mal diese Titel an:

  

Weitere Blogger-/Leserstimmen zu "Das Gegenteil von Hasen" findet ihr u.a. bei
Die Buchbloggerin | BOOKED OUT | Die Bücherwelt von Corni Holmes
(Achtung! All diese tollen Rezension verraten eine Ecke mehr zum Inhalt, als ich es getan habe)


Blubbert mit mir!