Sensitivity Reading von Etta L. Harding – wichtig, ehrlich und alles andere als gemütlich | Rezension
Sensitivity Reading von Etta L. Harding – wichtig, ehrlich und alles andere als gemütlich
Werbung: Dieses Buch wurde mir als kostenfreies Leseexemplar zur Verfügung gestellt.
Content Note: Das Buch behandelt unter anderem Essstörungen und Binge Eating.
Es gibt Bücher, bei denen ich nach dem Lesen ziemlich genau weiß, was ich von ihnen halte. Und dann gibt es Bücher wie Sensitivity Reading von Etta L. Harding, bei denen ich auch Tage später noch ein bisschen zwischen verschiedenen Gefühlen festhänge. Denn so wichtig und wertvoll ich die Themen finde, so schwer fiel es mir, das Buch zu lesen.
Dabei hat mich die Grundidee zunächst sehr angesprochen.
Simi ist eine erfolgreiche New-Adult-Autorin und möchte mit ihren Büchern marginalisierten Gruppen Raum geben. Für ihren neuen Roman hat sie einen mehrgewichtigen Protagonisten geschrieben. Ihr Verlag möchte deshalb ein Sensitivity Reading und sucht gemeinsam mit ihr nach einer Person, die die Figur aus eigener Erfahrung beurteilen kann.
So lernt Simi Jonah kennen, den sie schon seit einiger Zeit im Auge hat. Er ist stark mehrgewichtig und leidet unter anderem an Binge Eating. Seine Aufgabe ist es, Simis Manuskript zu lesen und ihr Rückmeldung dazu zu geben, ob ihre Darstellung respektvoll, authentisch und glaubwürdig ist.
Ich finde es unglaublich wichtig, dass mehrgewichtige Menschen auch in romantischen Geschichten selbstverständlich ihren Platz bekommen. Und zwar nicht als beste Freundin, Sidekick oder lustige Nebenfigur, sondern als Hauptfigur mit eigenen Wünschen, Problemen, Ängsten und natürlich auch einer Liebesgeschichte.
Keine gemütliche Romance
Simi und Jonah haben es mir beide nicht leicht gemacht.
Simi war für mich als Figur grundsätzlich eher schwer greifbar. Dabei gefiel mir durchaus, wie sie angelegt ist. Gerade ihre anfängliche Naivität und Oberflächlichkeit machen sie nicht zu dieser glattpolierten Heldin, die in jeder Situation genau das Richtige tut. Sie lernt und wächst mit jedem neuen Kapitel, mitfühlen konnte ich mit ihr trotzdem nur selten.
Was ich ihr allerdings hoch anrechne: Sie bleibt dran. Obwohl Jonah ihr gegenüber sehr abweisend und stellenweise auch echt herabwürdigend ist, gibt sie ihn nicht einfach auf. Und das fand ich tatsächlich beeindruckend. Ich weiß nicht, ob ich es gutheißen kann, denn meiner Meinung nach sollte man sich nicht SO behandeln lassen. Aber vielleicht sieht Simi von Anfang an einfach mehr ...
Dass Jonah Simi auf Abstand hält, konnte ich dagegen sehr gut nachvollziehen. Sie verhält sich ihm gegenüber schließlich selbst nicht gerade besonders sensibel. Seine Erfahrungen, seine Erkrankung und der Umgang seines Umfelds mit ihm haben deutliche Spuren hinterlassen.
Trotzdem hatte ich mit Jonah große Schwierigkeiten.
Vor allem seine brutale Sprache und seine Wortwahl haben mir das Lesen immer wieder schwer gemacht. Ich habe versucht, mich in ihn hineinzuversetzen. Er ist krank, wird selbst von Menschen aus seinem engsten Umfeld verurteilt, nicht verstanden und steht unter einem enormen Druck. Natürlich tut mir das leid.
Aber gleichzeitig habe ich mich in seiner Gegenwart beim Lesen einfach sehr unwohl gefühlt.
Und genau das hat letztlich auch dafür gesorgt, dass die Romance bei mir nicht funktioniert hat.
Rein logisch und vom Aufbau der Geschichte her ist die Entwicklung zwischen Simi und Jonah absolut nachvollziehbar. Ich konnte erkennen, warum sich die Beziehung in diese Richtung entwickelt und warum die beiden füreinander interessant sind.
Gefühlt bin ich diesen Weg allerdings nicht mitgegangen.
Mehrgewicht, Binge Eating und die Folgen
Was mir an Sensitivity Reading dagegen ausgesprochen gut gefallen hat, ist die Darstellung der zentralen Themen.
Mehrgewicht, Körperbilder, Vorurteile, Diskriminierung, Selbstwert, mentale Gesundheit und Binge Eating werden nicht einfach oberflächlich angeschnitten. Die Geschichte geht an einigen Stellen wirklich unter die Haut – und vielleicht ist genau das auch der Grund, weshalb ich sie stellenweise als so bedrückend empfunden habe.
Man merkt, dass Etta L. Harding dieses Themenfeld nicht einfach gewählt hat, weil es gerade interessant oder ungewöhnlich ist. Es steckt spürbar viel Emotion, Erfahrung und der Wunsch dahinter, aufzuklären und für bestimmte Probleme zu sensibilisieren.
Das ist der Teil des Buches, den ich wirklich wertvoll finde. Denn Sensitivity Reading zeigt nicht nur, welche Auswirkungen Mehrgewicht und die damit verbundenen Erkrankungen auf die betroffene Person haben können. Es geht auch darum, was diese Situation mit einer Partnerschaft und mit der Person an der Seite eines betroffenen Menschen macht.
Eine gute Ergänzung am Ende
Besonders gut gefallen hat mir außerdem das ausführliche Interview mit Torsten Prix im hinteren Teil des Buches.
Als Coach, Speaker und Content Creator beschäftigt er sich unter anderem mit Binge Eating, Adipositas, Selbstwert und mentaler Gesundheit. Das Interview ergänzt die fiktionale Geschichte sehr sinnvoll, beleuchtet Hintergründe und vertieft Wissen, das im Roman angesprochen wird.
Gleichzeitig wird durch die Fragen der Autorin noch einmal deutlich, wie wichtig ihr dieses Themenfeld ist. Das fand ich als Abschluss wirklich gelungen.
Was ist eigentlich Sensitivity Reading?
Vereinfacht gesagt geht es beim Sensitivity Reading darum, dass Texte daraufhin überprüft werden, wie glaubwürdig, respektvoll und frei von problematischen Darstellungen bestimmte marginalisierte Lebensrealitäten dargestellt sind – häufig von Menschen, die selbst entsprechende Erfahrungen gemacht haben.
Gerade bei einem Roman, der sich so intensiv mit Mehrgewicht und Binge Eating beschäftigt, ist dieser Aspekt natürlich besonders spannend.
Mein Fazit
Sensitivity Reading ist für mich ein schwieriges Buch, weil ich seine Bedeutung und seine Themen sehr deutlich sehe, mich die Geschichte selbst aber kaum begeistern konnte.
Ich musste beim Lesen durchaus Disziplin aufbringen, um weiterzulesen. Der Schreibstil ist flüssig und der Lesefluss grundsätzlich völlig in Ordnung. Trotzdem hatte ich immer wieder das Gefühl, mich durch die Geschichte arbeiten zu müssen. Das lag weder am Handwerk noch an der Thematik. Ausschlaggebend waren die Dynamik zwischen den Figuren und eben die Charaktere selbst.
Wer hier eine gemütliche Romance mit einem liebenswerten, mehrgewichtigen Knuddelbär-Boyfriend erwartet, sollte definitiv NICHT zum Buch greifen. Sensitivity Reading ist alles andere als cozy. Die Geschichte hat Gewicht, kann einen beim Lesen ziemlich herausfordern und ist dennoch unheimlich wichtig.
Die Lovestory zwischen Simi und Jonah wird schonungslos und ehrlich erzählt. Sie zeigt nicht nur die Erfahrungen eines mehrgewichtigen Menschen, sondern auch die Auswirkungen von Mehrgewicht und den damit einhergehenden Erkrankungen auf eine Partnerschaft und auf die Person, die an seiner Seite steht.
Emotional abgeholt hat mich das Buch nicht. Wichtig finde ich es trotzdem.
Und vielleicht ist Sensitivity Reading genau deshalb eine Geschichte, über die ich noch ein bisschen länger nachdenken werde.




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