Dienstag, 11. Mai 2021

Zeilen ans Meer | Sarah Fischer | Rezension

Alles beginnt mit einer Flaschenpost, die Lena während ihres Work & Travel Jahres in Australien ins Meer wirft. In dieser Flaschenpost hinterlässt sie eine Momentaufnahme von sich selbst: jung & frech, voller Energie und Träume, beseelt von ihren Erfahrungen in Australien, beflügelt von der Musik, die sie jeden Abend gemacht hat und bereit für eine abenteuerliche, glückliche und erfolgreiche Zukunft.

Heute, 16 Jahre später, brütet die 36-jährige Lena in ihrer Münchner Wohnung über der Übersetzung einer Bedienungsanleitung für Fernbedienungen und sorgt sich um ihre kleine Tochter, die im Hort Probleme mit anderen Kindern hat. Was ist aus der lebenshungrigen Abenteurerin mit der schönen Stimme geworden? Wohin sind all ihre Träume verschwunden?

Diese Fragen stellt sie sich selbst, als ihr eines Tages aus heiterem Himmel eine Kopie ihres Flaschenpost-Briefes von damals ins Haus flattert. Der Australier Sam hat ihre Flaschenpost 16 Jahre, nachdem sie sie ins Meer geworfen hat, am Strand gefunden. Sofort setzt er sich mit der deutschen Absenderin in Verbindung und es beginnt – unerwartet für beide – eine ganz besondere Brieffreundschaft. Bereits die ersten Briefwechsel sind sehr persönlich und der enge Kontakt entwickelt sich schnell zu einem regen, tiefgründigen Austausch, gespickt mit süßen, neckischen Flirtereien und emotionalen Offenbarungen. Lena und Sam lernen sich Brief für Brief näher kennen, doch was passiert, wenn sie sich irgendwann zu nah kommen? Kann man sich in einen Menschen verlieben, den man noch nie gesehen hat, sondern nur aus Briefen kennt?

Zwei Jahre lang hat die Stuttgarter Autorin Adriana Popescu ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie hinter dem bis dato geschlossenen Pseudonym Sarah Fischer steckt. Nun, pünktlich zum Erscheinen der neuen Taschenbuchausgabe von „Zeilen ans Meer“, fand die große Offenlegung statt. Für mich eine riesige Überraschung, die ziemlich schnell in Vorfreude auf den Roman umschlug. Was würde Sarah Fischer mit der für ihre sowohl nerdig-angehauchten als auch tiefgründigen (Jugend-)Romane bekannte Adriana Popescu gemein haben?

Nachdem ich den Briefroman aufgeschlagen und die ersten 3 Seiten gelesen hatte, standen mir bereits Tränen in den Augen, die ich mit einem Kribbeln im Bauch und einem seeligen Lächeln wegblinzelte. Genau wie Adriana Popescu zuvor so oft, gelang es auch Sarah Fischer mich mit nur wenigen Worten in den Bann ihrer Geschichte zu ziehen. Die Autorin hat einfach ein unheimliches Gespür für Zwischenmenschliches und ist für mich eine Künstlerin der authentischen Dialoge. Schriftstellerisch hatte ich das Gefühl, hier eine noch erwachsenere Adriana Popescu zu lesen, die sich zwar ihrer Wurzeln bewusst ist, ihre Leichtigkeit nicht verliert und trotzdem noch mehr Bedeutung in jedes einzelne Wort steckt. Ich liebe ihren lebendigen, gefühlvollen Schreibstil sehr - in diesem Roman ganz besonders. Kitschig gesagt, fühlte es sich so an, als öffneten sich die Tore zu meinem Herzen ganz automatisch und ließen dieses Buch hinein. Sofort war klar, dies ist eine Geschichte, die nicht in den Kopf, sondern auf direktem Weg ins Herz geht, getragen von authentischen Emotionen, die sich im Nu auf mich übertrugen. 

Lebe den Moment! Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum! Do more of what makes you happy! – All diese Slogans sind genauso schnell daher gesagt, wie sie wieder in Vergessenheit geraten. Welche Träume und Ziele hattet ihr in eurer Jugend? Habt ihr sie verfolgt und erreicht? Oder geht es euch wie Lena, die sich in ihrem Hamsterrad des Alltags abstrampelt und dabei ihr Vergangenheits-Ich von damals verdrängt hat? Ist sie glücklich?

Auf den 272 Seiten findet die Münchnerin nicht nur einen Seelenverwandten in Australien, sondern auch sich selbst. Ob es nun zu spät ist, an ihren Träumen von damals festzuhalten?
Aber nicht nur Lena beschäftigt sich während des Briefeschreibens mit sich selbst. Auch Sam wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Warum nennen ihn seine Freunde „den Grübler“? Warum entwirft er die modernsten Surfbretter, ohne selbst darauf gestanden zu haben?

Ich weiß gar nicht, wie ich in meiner Rezension diesem wunderbaren Briefroman von Sarah Fischer gerecht werden kann. Er hat mich so berührt, mich kichern lassen aber auch zu Tränen gerührt. Ich habe mitgefühlt – von der ersten bis zur letzten Seite. Obwohl es Momente gab, in denen ich augenrollend am liebsten zu Lena nach München gefahren wäre, um sie durchzuschütteln, hat mir „Zeilen ans Meer“ ganz besonders schöne Lesestunden beschert. Authentische Emotionen können auch mal nervig sein, aber dafür sind sie echt und für viele von uns sicher nachspürbar.

Wenn ihr auf der Suche nach einem Buch seid, das euch komplett an sich fesselt, euch alles um euch herum vergessen lässt, euch berührt und gleichzeitig motiviert und das euch eine herzerwärmende Liebesgeschichte erzählt – dann greift unbedingt zu „Zeilen ans Meer“. Ich werde Lena und insbesondere Sam nicht so schnell vergessen und sicherlich irgendwann für einen Abstecher zu ihnen zurückkehren.

 

W E I T E R F Ü H R E N D E   I N F O S

Taschenbuch | 272 Seiten | erschienen am 26. März 2021 im Lübbe Verlag | ISBN 978-3-404-18351-7 | empfohlen ab 14 Jahren | Zur Leseprobe

Mehr über Sarah Fischer bei Ankas Geblubber findet ihr ggfs. HIER
Mehr über Adriana Popescu bei Ankas Geblubber findet ihr HIER

Linktipps:


Wenn euch dieses Buch gefallen hat, schaut euch auch mal diese Titel an:

  

Weitere Blogger-/Leserstimmen zu "Zeilen and Meer" findet ihr u.a. bei

Blubbert mit mir!